
Wir lieben Hofläden. Zumindest in der Theorie.
Regionale Lebensmittel, kurze Wege, ein freundliches Gespräch mit dem Erzeuger und Eier, Kartoffeln oder Gemüse direkt vom Hof: Fragt man Verbraucher, was ihnen beim Lebensmitteleinkauf wichtig ist, klingt die Antwort häufig ziemlich eindeutig.
Regional soll es sein. Möglichst frisch. Am besten direkt vom Erzeuger.
Doch dann kommt der Alltag.
Nach Feierabend wird schnell beim Discounter gehalten. Die Milch landet zusammen mit Waschmittel und Toilettenpapier im Einkaufswagen. Die Eier sind gerade im Angebot. Und für drei Kartoffeln noch fünf Kilometer zum Hofladen fahren? Vielleicht nächste Woche.
Das ist menschlich. Bequemlichkeit, Zeit und Geld spielen beim Einkauf eine große Rolle. Trotzdem lohnt sich eine unbequeme Frage:
Wenn wir Hofläden erhalten wollen – kaufen wir dort eigentlich oft genug ein?
Ein Hofladen lebt nicht von Likes
Fotos von glücklichen Hühnern, alten Traktoren und frisch geerntetem Gemüse funktionieren in sozialen Netzwerken hervorragend. Viele Menschen verfolgen regionale Höfe, teilen Beiträge und schreiben darunter, wie wichtig Landwirtschaft vor Ort sei.
Für einen landwirtschaftlichen Betrieb ist diese Unterstützung durchaus wertvoll.
Die Rechnung des Hofladens bezahlt sie allerdings nicht.
Ein Hofladen braucht Kunden, die tatsächlich kommen und einkaufen. Nicht einmal im Jahr beim Hoffest, sondern möglichst regelmäßig.
Das klingt banal, ist aber der entscheidende Unterschied zwischen gesellschaftlicher Zustimmung und wirtschaftlicher Realität.
Der 5-Euro-Einkauf ist wichtiger, als er aussieht
Niemand muss seinen kompletten Wocheneinkauf auf dem Bauernhof erledigen. Das wäre vielerorts ohnehin kaum möglich.
Aber stellen Sie sich vor, Sie kaufen einmal pro Woche für fünf Euro bei einem Hof in Ihrer Umgebung ein.
Das könnten beispielsweise sein:
- 10 Eier
- ein Sack Kartoffeln
- Äpfel oder Birnen
- ein Glas Honig
- Milch oder Joghurt
- ein Kürbis
- Wurst oder Käse
- saisonales Gemüse
Fünf Euro wirken zunächst unbedeutend.
Doch 100 Kunden, die jede Woche fünf Euro ausgeben, sorgen bereits für 500 Euro Umsatz pro Woche. Bei 200 regelmäßigen Kunden wären es 1.000 Euro.
Natürlich ist Umsatz nicht gleich Gewinn. Von diesen Einnahmen müssen Tiere gefüttert, Maschinen betrieben, Verpackungen gekauft, Energie bezahlt und Arbeitszeit finanziert werden.
Aber genau diese vielen kleinen Einkäufe entscheiden mit darüber, ob sich Direktvermarktung überhaupt lohnt.
Das Problem: Der Supermarkt ist verdammt bequem
Man sollte Verbrauchern keinen Vorwurf daraus machen, dass sie bequem einkaufen möchten.
Supermärkte und Discounter haben dieses Prinzip über Jahrzehnte perfektioniert.
Große Parkplätze, lange Öffnungszeiten, Kartenzahlung, tausende Produkte unter einem Dach und ständig wechselnde Angebote machen den klassischen Lebensmitteleinzelhandel extrem komfortabel.
Ein kleiner Hofladen kann damit kaum konkurrieren.
Vielleicht gibt es dort keine Avocado. Kein Waschmittel. Keine Tiefkühlpizza. Und möglicherweise ist montags geschlossen.
Genau deshalb wird der Hofladen wahrscheinlich nie den gesamten Supermarkt ersetzen.
Das muss er aber auch nicht.
Vielleicht denken wir beim Hofladen zu groß
Der entscheidende Fehler könnte darin liegen, den Einkauf beim Erzeuger als Alternative zum kompletten Supermarkteinkauf zu betrachten.
Viel realistischer ist eine andere Idee:
Der Hofladen ergänzt den normalen Einkauf.
Die Nudeln kommen weiterhin aus dem Supermarkt. Die Eier aber vom Bauern im Nachbarort.
Das Toilettenpapier gibt es beim Discounter. Kartoffeln vielleicht direkt vom Hof.
Kaffee bestellen Sie online. Den Honig kaufen Sie beim Imker im Dorf.
Niemand muss seinen Alltag komplett umstellen.
Schon einige Produkte regelmäßig direkt einzukaufen, kann einen Unterschied machen.
Warum Hofläden trotzdem mehr bieten müssen als gute Absichten
Allerdings darf die Verantwortung nicht ausschließlich beim Kunden landen.
Auch Direktvermarkter müssen sich fragen, warum Menschen möglicherweise nicht wiederkommen.
Ein Hofladen kann noch so regional sein: Wenn niemand weiß, wann er geöffnet hat, die Preise nicht ausgezeichnet sind oder ausschließlich Bargeld akzeptiert wird, entstehen unnötige Hürden.
Moderne Direktvermarktung bedeutet deshalb zunehmend auch Komfort.
Selbstbedienungshütten, Verkaufsautomaten, Kartenzahlung, digitale Öffnungszeiten, aktuelle Informationen über soziale Netzwerke oder vorbestellte Abholkisten können den Einkauf deutlich einfacher machen.
Regionalität allein reicht langfristig nicht immer aus.
Ein Hofladen muss nicht wie ein Supermarkt werden. Aber er sollte es seinen Kunden möglichst einfach machen, dort einzukaufen.
„Beim Bauern ist alles teurer“ – stimmt das überhaupt?
Auch der Preis spielt eine große Rolle.
Viele Verbraucher gehen automatisch davon aus, dass Lebensmittel direkt vom Hof deutlich teurer sind als im Supermarkt.
Das stimmt nicht zwangsläufig.
Bei einigen Produkten kann der Hofladen teurer sein, bei anderen liegen die Preise erstaunlich dicht beieinander. Saison, Region, Produktionsweise, Betriebsgröße und Produktqualität machen pauschale Vergleiche schwierig.
Hinzu kommt ein psychologischer Effekt.
Im Supermarkt verteilen sich 80 oder 100 Euro auf einen großen Einkaufswagen. Einzelne Preise fallen weniger auf.
Im Hofladen steht dagegen plötzlich das eine Glas Honig für sieben Euro vor uns.
Dieser Preis wird sehr bewusst wahrgenommen.
Obwohl wir beim gesamten Wocheneinkauf an anderer Stelle möglicherweise deutlich größere Beträge ausgeben.
Wir erwarten viel von kleinen Betrieben
Ein weiterer Widerspruch fällt auf.
Von kleinen landwirtschaftlichen Betrieben erwarten wir häufig besonders viel.
Die Tiere sollen möglichst viel Platz haben. Pflanzenschutz soll reduziert werden. Verpackungen sollen umweltfreundlich sein. Die Produkte sollen regional sein. Die Landschaft soll gepflegt werden. Arbeitskräfte sollen vernünftig bezahlt werden.
Und natürlich soll das Endprodukt günstig bleiben.
Diese Wünsche sind nachvollziehbar.
Doch irgendwann müssen sie wirtschaftlich zusammenpassen.
Ein Betrieb, der dauerhaft mehr Aufwand hat, als seine Kunden bezahlen möchten, wird seine Direktvermarktung verändern oder irgendwann einstellen.
Was passiert, wenn der Hofladen verschwindet?
Das Interessante an regionalen Angeboten ist: Man bemerkt ihren Wert häufig erst, wenn sie nicht mehr da sind.
Der kleine Bäcker schließt.
Der Metzger gibt auf.
Der letzte Dorfladen verschwindet.
Und irgendwann hängt auch am Hofladen ein Schild: „Wir schließen.“
Dann ist die Enttäuschung groß.
Doch ein Betrieb kann nicht allein deshalb weiterlaufen, weil die Menschen in der Umgebung ihn grundsätzlich sympathisch finden.
Regionale Infrastruktur entsteht letztlich durch Nutzung.
Es geht nicht darum, jeden Euro beim Hof zu lassen
Dieser Beitrag soll kein schlechtes Gewissen machen.
Nicht jeder kann sich jedes Produkt vom Hof leisten. Nicht jeder lebt in einer Region mit vielen Direktvermarktern. Und niemand muss künftig drei verschiedene Bauernhöfe abfahren, bevor das Abendessen auf dem Tisch steht.
Es geht um etwas viel Einfacheres.
Wenn Sie einen Hofladen in Ihrer Umgebung mögen und möchten, dass es ihn auch in fünf Jahren noch gibt, dann kaufen Sie dort gelegentlich tatsächlich etwas.
Nicht aus Mitleid.
Sondern weil dort Lebensmittel angeboten werden, die Sie sowieso benötigen.
Die vielleicht einfachste Hofladen-Challenge
Probieren Sie es vier Wochen lang aus.
Ersetzen Sie jede Woche nur ein Produkt aus Ihrem normalen Einkauf durch ein Produkt direkt vom Erzeuger.
Zum Beispiel:
- Woche 1: Eier
- Woche 2: Kartoffeln
- Woche 3: Honig
- Woche 4: Äpfel oder Gemüse
Mehr nicht.
Vielleicht stellen Sie anschließend fest, dass der Aufwand geringer ist als gedacht.
Vielleicht schmeckt Ihnen manches besser.
Vielleicht ist es Ihnen zu teuer.
Oder Sie entdecken einen Hof, an dem Sie jahrelang vorbeigefahren sind, ohne zu wissen, dass dort überhaupt verkauft wird.
Hofläden brauchen keine Sonntagsreden – sondern Stammkunden
Wir können nicht gleichzeitig immer weniger direkt beim Erzeuger kaufen und selbstverständlich davon ausgehen, dass diese Angebote dauerhaft bestehen bleiben.
Dabei muss niemand zum perfekten Regionalkäufer werden.
Vielleicht reichen schon ein paar Eier hier, ein Sack Kartoffeln dort und gelegentlich ein Glas Honig.
Denn viele kleine Einkäufe ergeben am Ende etwas ziemlich Großes:
einen wirtschaftlichen Grund, den Hofladen auch morgen noch zu öffnen.
Und vielleicht sollten wir uns deshalb beim nächsten Einkauf nicht nur fragen:
„Wo bekomme ich das am günstigsten?“
Sondern gelegentlich auch:
„Welches Angebot in meiner Region möchte ich eigentlich behalten?“
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