Direkt vom Hof

Nachhaltigkeit, Inklusion und Empathie: Wenn die Heidelbeerplantage zum Ort der Begegnung wird

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Nachhaltigkeit & Inklusion auf der Heidelbeerplantage

Nachhaltigkeit wird in der Landwirtschaft häufig mit kurzen Transportwegen, regionalen Produkten, ressourcenschonendem Anbau und bewusster Ernährung verbunden. All das sind wichtige Aspekte. Doch Nachhaltigkeit kann noch eine weitere, gesellschaftliche Dimension haben: die Frage, wie Menschen miteinander umgehen und wie Teilhabe auch dort ermöglicht werden kann, wo sie im Alltag nicht immer selbstverständlich ist.

Eine Heidelbeerplantage ist zunächst einmal ein landwirtschaftlicher Produktionsort. Hier wachsen Früchte, die geerntet, verkauft und gegessen werden. Gleichzeitig kann ein solcher Ort aber auch Raum für Begegnungen schaffen.

In diesem Sommer fanden deshalb zwei kostenlose Pflückaktionen statt: Eine gemeinsam mit Bewohnerinnen und Bewohnern einer Senioreneinrichtung und eine weitere mit der Heidehort Wohngemeinschaft für Menschen mit besonderen Bedürfnissen.

Dabei ging es weniger um die Menge der gepflückten Heidelbeeren als um das gemeinsame Erlebnis.

Nachhaltigkeit ist mehr als Umweltschutz

Der Begriff Nachhaltigkeit wird heute sehr häufig verwendet. Oft steht dabei die ökologische Nachhaltigkeit im Mittelpunkt: Wie werden Lebensmittel produziert? Wie weit werden sie transportiert? Wie können Verpackungen reduziert und natürliche Ressourcen geschont werden?

Nachhaltigkeit umfasst jedoch auch soziale Aspekte.

Eine Gesellschaft ist langfristig darauf angewiesen, dass Menschen unabhängig von Alter, körperlichen oder geistigen Voraussetzungen Möglichkeiten zur Teilhabe erhalten. Begegnungen zwischen unterschiedlichen Lebenswelten können dabei einen kleinen Beitrag leisten.

Gerade regionale Landwirtschaft bietet dafür interessante Möglichkeiten. Landwirtschaft findet nicht irgendwo anonym statt. Felder, Höfe und Plantagen befinden sich unmittelbar in der Region, in der Menschen leben, arbeiten und ihren Alltag verbringen.

Warum sollten solche Orte ausschließlich Produktionsflächen sein?

Manchmal können sie auch Orte der Begegnung sein.

Heidelbeeren selbst pflücken: ein kleines Erlebnis mit vielen Eindrücken

Wer Lebensmittel überwiegend aus dem Supermarkt kennt, erlebt deren Herkunft oft nur indirekt. Heidelbeeren liegen dort bereits fertig gepflückt und abgepackt in einer Schale.

Auf einer Plantage sieht das anders aus.

Hier stehen die Sträucher in langen Reihen. Die Früchte müssen entdeckt und ausgewählt werden. Manche Beeren sind bereits tiefblau und reif, andere benötigen noch einige Tage. Man geht von Strauch zu Strauch, probiert vielleicht eine Beere und füllt nach und nach den eigenen Behälter.

Das klingt zunächst unspektakulär. Gerade darin kann jedoch der Reiz liegen.

Das Pflücken beansprucht verschiedene Sinne gleichzeitig. Die Früchte werden gesehen, angefasst, gerochen und natürlich auch probiert. Gleichzeitig befindet man sich draußen und erlebt unmittelbar, wo ein regionales Lebensmittel entsteht.

Für ältere Menschen oder Menschen mit besonderen Bedürfnissen kann ein solcher Ausflug deshalb weit mehr sein als lediglich die Möglichkeit, kostenlos Heidelbeeren mitzunehmen.

Er kann Abwechslung vom Alltag, Naturerfahrung und gemeinschaftliches Erleben miteinander verbinden.

Eine Pflückaktion mit Bewohnern einer Senioreneinrichtung

Eine der kostenlosen Pflückaktionen richtete sich an Bewohnerinnen und Bewohner einer Senioreneinrichtung in Rodewald.

Ausflüge sind im höheren Lebensalter nicht für jeden Menschen selbstverständlich. Mobilität kann eingeschränkt sein, längere Wege können anstrengend werden und manche Aktivitäten, die früher zum normalen Alltag gehörten, sind später nur noch mit Unterstützung möglich.

Ein Besuch auf einer Heidelbeerplantage kann deshalb auch Erinnerungen wecken.

Viele ältere Menschen haben einen anderen Bezug zur Landwirtschaft als jüngere Generationen. Gartenarbeit, eigene Obststräucher, das Einkochen von Früchten oder der direkte Einkauf beim Bauern gehörten für manche früher selbstverständlich zum Alltag.

Beim gemeinsamen Pflücken entstehen dadurch Gespräche fast von selbst: über frühere Gärten, alte Rezepte, die Landwirtschaft von damals oder darüber, wie Lebensmittel heute produziert und verkauft werden.

Nicht jede Aktivität benötigt ein großes Programm. Manchmal reicht es, einen Ort zugänglich zu machen und Zeit miteinander zu verbringen.

Genau darin lag der Gedanke hinter der Aktion.

Die Teilnehmer konnten Heidelbeeren pflücken und mitnehmen – ohne Eintritt, Pflückpreis oder eine andere Gegenleistung.

Teilhabe für Menschen mit besonderen Bedürfnissen

Eine weitere kostenlose Pflückaktion fand gemeinsam mit der Heidehort Wohngemeinschaft für Menschen mit besonderen Bedürfnissen statt.

Auch hier stand nicht die Ernte im Vordergrund.

Inklusion bedeutet im Kern, dass Menschen möglichst selbstverständlich am gesellschaftlichen Leben teilnehmen können. Sie sollte deshalb nicht ausschließlich als abstraktes gesellschaftliches oder politisches Ziel betrachtet werden.

Sie findet vor allem im Alltag statt.

Beim Einkaufen, bei Veranstaltungen, in Vereinen, bei Freizeitangeboten – und möglicherweise eben auch auf einem landwirtschaftlichen Betrieb.

Eine Pflückaktion kann dabei nur ein sehr kleiner Baustein sein. Sie löst keine gesellschaftlichen Probleme und sollte auch nicht größer dargestellt werden, als sie tatsächlich ist.

Aber sie kann für einige Stunden einen gemeinsamen Erfahrungsraum schaffen.

Die Heidelbeere unterscheidet schließlich nicht danach, wer sie pflückt.

Empathie beginnt häufig mit Begegnung

Über Empathie lässt sich viel schreiben. Wirklich entstehen kann sie jedoch vor allem dort, wo Menschen einander begegnen.

Im Alltag bewegen wir uns häufig innerhalb relativ fester Kreise. Beruf, Familie, Freundeskreis und Freizeit bestimmen, mit wem wir regelmäßig Kontakt haben.

Dadurch können Lebenswelten nebeneinander existieren, ohne sich besonders häufig zu berühren.

Menschen in Pflegeeinrichtungen erleben einen anderen Alltag als Menschen, die selbstständig zu Hause leben. Menschen mit Unterstützungsbedarf begegnen wiederum Herausforderungen, über die sich andere im täglichen Leben kaum Gedanken machen müssen.

Begegnungen verändern nicht automatisch gesellschaftliche Strukturen. Sie können aber helfen, andere Perspektiven wahrzunehmen.

Dafür braucht es nicht zwangsläufig große Projekte.

Manchmal genügt ein Nachmittag zwischen Heidelbeersträuchern.

Landwirtschaft gehört zur Gesellschaft

Landwirtschaft wird verständlicherweise vor allem unter wirtschaftlichen Gesichtspunkten betrachtet. Ein landwirtschaftlicher Betrieb muss funktionieren, Produkte müssen verkauft und Kosten gedeckt werden.

Trotzdem sind landwirtschaftliche Betriebe immer auch Teil ihres regionalen Umfeldes.

Direktvermarkter haben dabei eine besondere Stellung. Anders als bei anonymen Lieferketten treffen Produzenten und Verbraucher unmittelbar aufeinander. Menschen sehen, wo ihre Lebensmittel entstehen, können Fragen stellen und bekommen einen Eindruck von der Arbeit hinter einem Produkt.

Dieser direkte Kontakt kann auch eine soziale Komponente haben.

Nicht jeder Betrieb hat die räumlichen, zeitlichen oder personellen Möglichkeiten, zusätzliche Angebote zu schaffen. Und gesellschaftliches Engagement sollte keinesfalls zur Erwartung werden, die landwirtschaftlichen Betrieben zusätzlich auferlegt wird.

Wo die Möglichkeiten vorhanden sind, können jedoch schon kleine Aktionen einen Unterschied machen.

Auch das gehört zur regionalen Wertschöpfung

Der Begriff „regionale Wertschöpfung“ wird meistens wirtschaftlich verstanden. Geld, das für regionale Produkte ausgegeben wird, bleibt zumindest teilweise in der Region. Arbeitsplätze, Betriebe und lokale Strukturen können davon profitieren.

Doch eine Region besteht nicht nur aus wirtschaftlichen Beziehungen.

Sie besteht aus Menschen.

Aus Kindern und Erwachsenen, jungen und alten Menschen, Menschen mit und ohne Unterstützungsbedarf. Aus Pflegeeinrichtungen, Wohngemeinschaften, Vereinen, Unternehmen und landwirtschaftlichen Betrieben.

Wenn diese unterschiedlichen Bereiche miteinander in Kontakt kommen, entsteht eine andere Form von regionalem Wert.

Sie lässt sich nicht in Kilogramm Heidelbeeren oder Euro messen.

Kostenlose Pflückaktionen als unkomplizierte Möglichkeit

Die beiden Pflückaktionen mit Bewohnern eines Altenheims sowie der Heidehort Wohngemeinschaft waren bewusst kostenlos.

Das ist keine neue Form der Direktvermarktung und auch kein besonderes gesellschaftliches Konzept. Es ist vielmehr eine sehr einfache Idee: Wenn die Heidelbeeren ohnehin wachsen und die Möglichkeiten vorhanden sind, kann ein Teil davon Menschen zugänglich gemacht werden, für die ein solcher Ausflug eine schöne Abwechslung darstellen kann.

Heidelbeeren pflücken mit Senioreneinrichtung

Foto: Ulrike Struß

Nicht mehr – aber auch nicht weniger.

Vielleicht liegt gerade darin ein sinnvoller Ansatz für gelebte Nachhaltigkeit.

Nicht jede nachhaltige Handlung benötigt ein Siegel. Nicht jede Form von Inklusion braucht eine große Kampagne. Und Empathie lässt sich nur schwer in Kennzahlen ausdrücken.

Manchmal zeigt sie sich einfach darin, Räume zu öffnen.

Was von einem Nachmittag auf der Plantage bleibt

Am Ende einer Pflückaktion bleiben natürlich die mitgenommenen Heidelbeeren.

Vielleicht werden sie direkt gegessen. Vielleicht landen sie später im Kuchen, im Dessert oder auf dem Frühstückstisch.

Daneben bleiben jedoch Eindrücke: ein Nachmittag im Freien, Gespräche, das gemeinsame Suchen nach besonders schönen Beeren und möglicherweise die Erinnerung an frühere Zeiten oder an einen ungewöhnlichen Ausflug.

Für eine Heidelbeerplantage sind solche Besuche nur einzelne Termine innerhalb einer langen Saison.

Für die Teilnehmer können sie etwas ganz anderes bedeuten.

Genau deshalb lohnt es sich, Nachhaltigkeit etwas weiter zu denken. Regionale Lebensmittel und kurze Wege sind wichtig. Ein verantwortungsvoller Umgang mit Natur und Ressourcen ebenso.

Aber auch Teilhabe, Begegnung und gegenseitige Aufmerksamkeit gehören zu einer lebenswerten Region.

Und manchmal beginnt all das zwischen zwei Reihen Heidelbeersträuchern.

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